Dienstag, 17. Juli 2018

Der Weg in die rechtsextreme Szene ist leicht. Aus der Nummer wieder rauszukommen aber umso schwerer. Und gefährlich. In einer Schule in Unna hat ein Aussteiger aus der rechten Szene über seine Radikalisierung, heftige Schlägereien und seinen Weg aus der Szene berichtet.

„Die Handys lasst ihr bitte in der Tasche“, sagt einer der Lehrer, noch bevor es los geht. Schnell wird klar, warum heute weder Selfies noch Instagram-Posts erwünscht sind. Rund 150 Schüler sitzen in der Aula einer Schule in Unna, hinter einem Tisch auf der Bühne hat ein ehemaliger Rechtsextremer Platz genommen. Er hat auch Jahre nach seinem Ausstieg viele Feinde. Um ihn zuschützen, verzichten wir darauf, seinen Namen oder einschlägige Details seiner Biografie zu nennen.

Kein Detail wird geschönt


Sieben Jahre lang ist der mittlerweile 45-Jährige in der Nazi-Szene aktiv gewesen. „Einstieg und Ausstieg sind heute noch genauso“, sagt er trocken. Dass er nun darüber spricht, überrascht ihn selber: „Vor 30 Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass mein Leben jetzt so aussieht“, sagt er.

Die rund zweistündige Frage-Antwort-Runde ist alles andere als klassischer Frontalunterricht. Es ist eine Reise durch das Leben eines Jugendlichen, der auf die schiefe Bahn geraten ist. Dabei wird kaum ein Detail geschönt. Anfangs sind die Schüler zurückhaltend. Nach den ersten lockeren Sprüchen des Unbekannten auf der Bühne gehen reihenweise die Hände in die Höhe. Es gibt viele Fragen.

Erster Kontakt

Den ersten Kontakt zur rechten Szene hatte der Aussteiger bereits mit zwölf Jahren. „Heute heißen sie Mobbingopfer, ich war früher einfach der Arsch in der Schule.“ Politisch motiviert war der Einstieg nicht. „Das wäre für mich uninteressant gewesen, ich war politisch uninteressiert“, sagt er. Die älteren Jungs, mit denen er anbandelt, waren Dorfpatrioten, „die gibt es in Unna auch“. Eigentlich überall, wo vier Mofas und zwei Kisten Bier hinpassen. Die Schule hasst er, von den Dorfprolls lässt er sich beeindrucken. „Die haben sich nichts sagen lassen, sondern haben ausgeteilt.“ Irgendwann wird er angesprochen, darf den Älteren Bier vom Kiosk holen. Heute ist er sich sicher: „Wenn die linke Szene zuerst da gewesen wäre, wäre ich da gelandet.“ Er will dazugehören, um jeden Preis.

Gewalt Schule
Gewalttätig war der Aussteiger bereits in der Schulzeit. Symbolfoto: dpa

Die harten Jungs im Rücken geben dem Halbstarken damals neues Selbstvertrauen. Ab da teilt er selbst aus, baut den aufgestauten Frust ab, auch wenn er weiß, dass es nicht in Ordnung ist. Es sei ein gutes Gefühl gewesen. „Ich war lieber Hammer als Amboss“, sagt er heute.

Kurz darauf wird er mit einer scharfen Waffe erwischt, die ihm untergeschoben wurde. Weil er die Aussage verweigert, wird das Verfahren gegen den Minderjährigen eingestellt. Seine Jungs feiern ihn wie einen kleinen Helden. Die Radikalisierung nimmt ihren Lauf.

Wächst sich schon aus

Schnell fragen die Schüler in der Aula nach seinem Elternhaus. Da muss doch jemand etwas gemerkt haben? Die Ehe seiner Eltern ist durch Schicksalsschläge zerrüttet. Zuhause erzählt er Märchen, draußen mutiert er zum Schläger. Und die älteren Geschwister? „Die nehmen einen ja nicht ernst.“ Sie dachten, er spinne. Das wachse sich wieder aus. Doch das Gegenteil ist der Fall. Erst als es Anzeigen und Festnahmen gibt und der junge Mann im Knast landet, sieht seine Familie klar. Vorwürfe macht er ihnen nicht: „Ich war ja derjenige, der Mist gebaut hat.“

Rechtsextreme
Rechtsextreme Musik spielt auf dem Weg in die rechte Szene häufig eine Rolle. Symbolfoto: dpa

Mit seinen damaligen Kumpels hört er rechte Musik. Er übernimmt ihre Ansichten, wird immer radikaler, obwohl er anfangs gar nichts gegen Ausländer hat. „Das passiert alles nebenher“, sagt er rückblickend. Schließlich will er in der Gruppe bleiben. Heute weiß er: „Man wird zu dem was man sagt. Ein Jahr später war ich Nazi. Das funktioniert noch heute.“

„Das hat mich verfolgt“

Ab da geht es rasant bergab. Szenetypisches Aussehen mit Glatze, Springerstiefeln und Bomberjacke, Treffen mit anderen Rechten. Dann das erste Nazi-Konzert. Überwältigend. „Es fühlte sich an, als wäre ich Teil einer riesengroßen Familie.“ Dazu gehört auch der Kampf gegen Linksextreme. Was der Unterschied sei, fragt ein Schüler: „Die Entmenschlichung in der rechten Szene ist etwas, das ich wahrscheinlich mein ganzes Leben mit mir herumtragen werde“, sagt der Aussteiger. Die Reue nimmt man ihm ab.

Die Verrohung zeigt sich auch in Prügeleien, in denen er schon früh mitmischt. Gewalt und Waffen fand er schon immer interessant. In der ersten Massenschlägerei sieht er, wie einer seiner Kumpels jemandem eine Bierflasche auf den Schädel schlägt. „Das war ekelhaft, es hat mich verfolgt.“ Doch es kam immer häufiger vor. „Nach dem vierten, fünften Mal ist es nicht mehr so schockierend.“ Der Jugendliche will sich in der Gruppe beweisen, schlägt jemandem mit einer Flasche ins Gesicht. Das Überraschende: „Es hatte nur positive Folgen für mich: Anerkennung, Aufstieg in der Gruppe.“ Ab da wusste er, wie es geht.

Risse in der Fassade

Nach vielen Jahren in der Szene kommen ihm immer wieder Zweifel. „Es gab Momente, da habe ich gedacht: ‚Du bescheißt dich hier doch selbst‘.“ Er nennt das „Risse in der Fassade“. Zum Aussteigen genügt das aber nicht. Erst als er in Untersuchungshaft sitzt, weil er jemanden halbtot prügelt, fasst er den Entschluss. „Da stehst du dann vor den Trümmern deiner Existenz.“ In den Knast wollte er nie wieder zurück. Dort war er schnell wieder Opfer. Eine harte, aber offenbar heilsame Erfahrung.

Der Zellentrakt eines Untersuchungsgefängnisses. Symbolfoto: dpa

Doch die rechte Szene verlässt man nicht einfach so: „Das ist kein Fußballverein, wo man sagt: ‚Ich komme ab morgen nicht mehr zum Training.'“ Draußen warten schließlich die alten Kameraden, werten eine Abwendung als Verrat, verfolgen ihn und seine Familie. „Das Paralleluniversum überwacht sich gegenseitig.“ Sein Ausstieg dauert damit bis heute an.  Angst hat er nicht, aber gesunden Respekt. Auch der lang geübte Hass gegen Ausländer sei nicht sofort weg gewesen. Er hat zunächst das Gefühl, seine alte Gesinnung sei ihm auf die Stirn geschrieben, jeder könne sie sehen. „Das abzustreifen war sehr schwer.“ Doch der schwere Neustart gelingt, wenn auch mit viel professioneller Hilfe.

Verharmlosenden Rassismus findet der Aussteiger heute abstoßend, verortet sich eher im linken Spektrum, ohne dabei extrem zu sein.

Schmerzhaft ehrlich

Die Reise durch die Radikalisierung des Aussteigers hinterlässt bleibenden Eindruck. Die eingestreuten lockeren Sprüche täuschen nicht darüber hinweg, dass hier ein Mensch sitzt, der auch heute noch mit seinen Abgründen kämpft. Das ist mal unfreiwillig komisch, mitunter mahnend, oft schmerzhaft ehrlich. „Ich bin nicht hier, um euch zu gefallen, sondern, um euch davon zu erzählen“, sagt er über das dunkelste Kapitel seines Lebens. „Ich schäme mich dafür. Manche Dinge kann ich mir selber nicht verzeihen.“

Heute will er aufklären, aber nicht nur das. Für ihn ist dieser Seelenstriptease auch eine Art Therapie. Sein Appell an die Schüler: „Schaut euch in eurem Umfeld um. Grenzt niemanden aus. Und übernehmt Verantwortung für die Dinge, die ihr tut.“ Denn seine Biografie gibt es häufiger – bloß meist mit anderem Ausgang.

Aussteigen – aber wie?

Das Referat für Extremismus und Terrorismus des Innenministeriums kümmere sich neben Rechtsextremen derzeit insbesondere um Aussteiger aus dem IS und Al-Quaida, aber auch um Linksextreme aus dem schwarzen Block, sagt der Mitarbeiter des Innenministeriums.

Rund 60 bis 70 Aussteiger seien ständig in diesem Programm. In den vergangenen Jahren hätten es Hunderte durchlaufen, sagt der Mitarbeiter: „Die zentrale Arbeit ist die Absicherung.“ Es könne drei oder fünf Jahre lang dauern, bis sich die Aussteiger wieder halbwegs sicher fühlen und ein neues Leben beginnen können.

Weitere Informationen zum „Spurwechsel“-Programm gibt es auf der Internetseite des Innenministeriums.

Kommentare

ANZEIGE