Freitag, 20. April 2018

Vor zwei Jahren war ihr Leben noch in Ordnung. Fester Job, Hochzeit, die kleine Tochter. Heute kämpft Iris Malter Tag für Tag um ihr Leben. Und mit dem Jobcenter. Denn im Behördendschungel ist es beinahe zu einer Katastrophe gekommen.

Das Facebook-Posting von Iris Malter in der Facebook-Gruppe „Unna hilft Unna“ beginnt mit dem Satz: „Mir platzt der Kragen.“ Das ist nichts neues und kommt öfter vor, wenn man sich durch die diversen Facebook-Gruppen aus Unna klickt. Doch diese Geschichte ist anders.


Iris Malter erzählt davon, dass sie nicht mehr krankenversichert ist. Für eine hochgradig kranke Frau kommt das schon fast einem Todesurteil gleich. Ein Rezept unter anderem über starke Medikamente konnte am Montag in der Apotheke nicht eingelöst werden, weil der Versicherungsschutz erloschen war. Schuld daran: Das Jobcenter. Denn entsprechende Anträge sind wohl fristgerecht eingereicht worden, wurden allerdings nicht bearbeitet.

Unna hilft Unna – das funktioniert auch im echten Leben

Nachdem der Post am 9. April um 21.48 Uhr veröffentlicht wurde, rollt eine breite Welle der Solidarität über Iris Malter. Viele geben ihr Tipps, bieten Hilfe an. Und die Nachricht spricht sich rum bis zum Jobcenter. Denn schon um sieben Uhr am Dienstag (10. April) bekommt Iris Malter eine E-Mail vom Jobcenter. Am Vormittag entschuldigt sich dann auch der Geschäftsführer bei der todkranken Frau.

„Wir haben heute davon gehört und direkt die verantwortlichen Kollegen gebeten, den Fall zu prüfen“, sagt Jobcenter-Pressesprecherin Antonia Mega. Iris Malter hingegen ist einfach nur glücklich, dass die Katastrophe vorerst abgewendet ist. „Was das betrifft, funktioniert Facebook doch sehr gut“, sagt sie.

Status todkrank, Ursache unbekannt

Die 34-Jährige erkrankte vor drei Jahren. „Damals dachte man zuerst, ich hätte eine psychische Erkrankung“, sagt Iris Malter. Bauchschmerzen, ständige Übelkeit und dann konnte die Dozentin plötzlich gar nichts mehr essen. In ihrem Darm wurde ein Loch gefunden, das wurde operiert. Bei der OP fanden die Ärzte weitere Löcher und Thrombosen. Nach uns nach wurde Iris Malter der Darm entfernt. Heute sind noch 17 Zentimeter übrig. Ein normaler Darm ist etwa fünf bis sieben Meter lang.

Die 34-jährige Frau lag zunächst im Koma, wurde künstlich ernährt. Seit etwa drei Monaten ist sie jetzt wieder Zuhause bei ihrer Familie, zu der auch die kleine Leonie (5) gehört. „Jetzt lebe ich zwar, werde aber künstlich ernährt“, erklärt die Unnaerin. Die Ärzte haben bis heute keine genaue Ursache für die Erkrankung gefunden.

Letzte Chance Darm-Transplantation?

Der Zustand von Iris Malter hat sich durch das Entfernen des Darms nicht wirklich verbessert. Regelmäßig versagen ihre Organe und sie muss wieder in die Klinik nach Münster. „Es stand schon oft auf der Kippe“, sagt sie erstaunlich gefasst. Chancen auf Heilung bietet vielleicht eine Darm-Transplantation. Hierüber wird aber erst in einigen Monaten entschieden.

Auf der kleinen Familie lastet enormer psychischer Druck. Und dazu kommen noch die Krisen mit dem Amt. Iris Malter kümmert sich selbst um den Papierkram, ihr Mann wird persönlich beim Amt vorstellig. Sowieso – ihr Mann Erik. Der pflegt seine kranke Frau und ist dafür von seinem Job als Erziehungstherapeut freigestellt.

Erik Malter und Tochter Leonie. Foto: Privat

Auf Facebook findet Iris Malter Hilfe und Ablenkung

Die Unnaerin braucht bei allem Hilfe. Sie wiegt nur noch 33 Kilogramm, sitzt im Rollstuhl. Nur vier Stunden pro Tag hängt sie nicht an der Sonde für die künstliche Ernährung. Iris Malter ist häufig einsam. Mit ihrem Mann teilt sie vor allem den täglichen Kampf ums (Über-)Leben, aber Freunde hat sie in Unna nicht wirklich gefunden. Dafür eine breite Unterstützung durch die Facebook-Gruppe „Unna hilft Unna“. Als sie für einen Umzug im vergangenen Jahr Helfer suchte, kam ein Deutsch-Kurs von Asylbewerbern und packte mit an.

Außerdem hat sie auf Facebook eine Patenoma für Leonie gefunden und tauscht sich regelmäßig in einer Back-Gruppe aus. Das tut ihr gut, denn das Leben ist für die 34-Jährige gerade alles andere als einfach. „Irgendwann ist man einfach verzweifelt. Man ist immer auf Unterstützung angewiesen und es ist mir peinlich, dass ich nichts davon zurückgeben kann.“ Der Hauptgrund, um weiterzumachen: Tochter Leonie. Die Verzweiflung ist Iris Malter anzuhören. Sie hat Angst, ihrer Tochter nicht gerecht werden zu können.

Tochter Leonie gibt der 34-Jährigen den Mut weiterzukämpfen

Diese besucht jeden Tag die Kita. Freunde bringt sie aber nicht mit nach Hause, wohl, weil die Situation in der Kita bekannt ist. Iris Malter vermutet, dass die anderen Eltern der Familie nicht zur Last fallen wollen. Aber die Fünfjährige zeigt auch Auffälligkeiten. „Sie hat uns gesagt, wir können mit unseren Problemen immer zu ihr kommen. Dann haben wir sie gefragt, wo sie denn dann mit ihren Problemen hingeht und da meinte sie nur, das würde sie mit sich ausmachen“, erzählt Iris Malter und ihre Stimme bricht.

Leonie Malter Foto: Privat

Leonie weiß, dass ihre Mutter wahrscheinlich sterben wird. „Wir planen zusammen die Beerdigung“, sagt diese. Denn kein Arzt kann eine Prognose abgeben und die Situation kann von jetzt auf gleich lebensbedrohlich werden. Für die 34-Jährige ist das aber kein Grund, sich keine Ziele mehr zu setzen. „Ich würde gerne noch einmal ein paar Tage mit meiner Tochter wegfahren“, erzählt Iris Malter. Am liebsten an die Nordsee. Hier waren Mutter und Tochter vor ein paar Jahren schon einmal gemeinsam.

Das nächste Ziel ist jetzt aber erst einmal der Geburtstag von Leonie am kommenden Donnerstag. Dann wird sie sechs Jahre alt und bekommt einen selbstgebackenen Kuchen von ihrer Mutter. „Ich will das strahlende Kind sehen, das ist nämlich leider selten geworden.“

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