Montag, 24. September 2018

Nationaltrainer Joachim Löw hat in Dortmund den vorläufigen Kader für die Fußball Weltmeisterschaft in Russland bekannt gegeben. Der Trubel darum war groß, die Vorstellung selbst aber schnell vorbei. Ein nicht ganz ernst gemeinter Bericht.

Bereits am Abend vor der Bekanntgabe des WM-Kaders parken Übertragungswagen hinter dem Fußballmuseum. Es werden Kabel verlegt, Antennen ausgerichtet. In den Medien ist die Spannung groß. Wer darf mit? Wer muss zu Hause bleiben? Gibt es Überraschungen? Und: trinkt Jogi auch bei der Bekanntgabe Kaffee?


Die Marketing-Maschinerie zur WM in Russland ist längst angelaufen. Für den Fan des amtierenden Weltmeisters gibt es Deo mit einem „sportlichem Duft der belebt“ und Duschgel in schwarz-rot-goldenen Tuben. Passenderweise riecht das dann nach Zitrusfrüchten und Basilikum – typisch deutsch eben.

„Eigentlich ist es egal“

Kurz vor der Bekanntgabe am Dienstagmittag (15. Mai) haben sich bereits einige Fußballfans vor dem Deutschen Fußballmuseum eingefunden. Felix und Ilya haben es sich in zwei der Liegestühle bequem gemacht und schauen auf die Wand des Museums. Dort prangen 27 Umrisse.

Felix und Ilya warten auf die Bekanntgabe des Kaders. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Die beiden Freunde hoffen, dass sie so die Bekanntgabe verfolgen können. „Das wäre sonst bitter“, findet Felix. Felix würde gerne Petersen im Sturm der Mannschaft sehen. Ilya sagt: „Eigentlich ist es egal, wen Löw nominiert. Die Spieler sind alle auf einem ähnlichen Niveau.“ Kurz darauf ist klar: Die Portraits der Kaderspieler werden hier erst nach der Pressekonferenz angeklebt.

Fußball statt Shopping

Ein paar Stühle weiter sitzt Lukas. Er war mit Mutter und Freundin shoppen, konnte sich aber davonstehlen: „Ich bin mit meinem Teil durch“, sagt er und grinst. Deshalb ist er spontan vorbeigekommen, als er von der Bekanntgabe gehört hat. „Die ersten Gerüchte sind ja schon raus. Wagner soll nicht dabei sein, aber Petersen“, sagt er.

Der BVB-Fan würde sonst gerne Kimmich im Kader sehen, „der würde uns in der Nationalmannschaft gut tun.“ Und was ist mit den BVB-Spielern? Vielleicht Götze oder Reus, glaubt Lukas. Schürrle wird aber nicht dabei sein, ist er sich sicher. Er wird Recht behalten.

Die Show beginnt

Im Saal des Museums läuft unterdessen beschwingte Soul-Musik. Eileen aus Essen hat es als Zuschauerin in den Saal geschafft – bei einem Radio-Gewinnspiel. „Ich musste Daniel Danger beleidigen“, sagt sie. Mit einem gepfefferten „du Milchschnitte“ hat sie etwas überraschend gewonnen. Sie findet es gut, Jogi Löw in Persona zu sehen – obwohl sie sich für Fußball eher weniger interessiert. Die Politik drumherum, Stichwort Özil und Erdogan, findet sie jedoch spannend. „Eigentlich dürfte er nicht dabei sein. Löw hat schon Spieler für Weniger rausgeschmissen“, findet sie.

Der Andrang im Fußballmuseum war groß. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Trubel um Özil und Gündogan:

Dann geht die Show los. Grindel, Löw und Entourage kommen die lange Treppe des Museums herunter. Blitzlichtgewitter, Gedränge, ein kurzes Grinsen in die Kameras. Dann nehmen beide Platz. Oberbürgermeister Ullrich Sierau verfolgt den Trubel mit verschränkten Armen. Bis zur Bekanntgabe dauert es dann aber noch etwas. Erst: Talk mit Grindel, Mannschaftsmanager Oliver Bierhoff und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius.

Jogi Löw nimmt unter Blitzlichtgewitter Platz in der ersten Reihe. Foto: Florian Forth/Dortmund24

In WM-Stimmung sei er noch nicht, sagt Grindel. Es gebe noch andere Themen zu bearbeiten. „Mit dem Beginn unseres Spiels wird sich das WM-Fieber dann auch einstellen.“ Schnell kommt der Trubel um das Foto von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf. Doch Grindel wiegelt ab: „Menschen können Fehler machen, wir müssen das Maß wahren“, sagt er. Einiges von dem, was er in den digitalen Medien gelesen habe, scheine ihm aber übertrieben.

Team freut sich auf „optimale Bedingungen“

Es folgen Einschätzungen zum Teamquartier („optimale Bedingungen“), der WM („Soll Visitenkarte des Verbands werden“) und Reisen in Russland („Dagegen wirkt Brasilien fast klein“). In einem Einspieler ist anschließend Grindel in Wolgograd (ehemals Stalingrad) zu sehen. Am 9. Mai, dem Tag des Sieges über das Deutsche Reich, legte er dort einen Kranz nieder. Zudem sprach er mit Fans über die Sicherheit in Stadien und das Reisen während der WM. Dass soll auch dazu beitragen, dass sich Ausschreitungen wie vor zwei Jahren in Marseille nicht wiederholen. Die Botschaft: Der DFB kümmert sich.

DFB verlängert Trainerverträge

Dann wird der Bundestrainer auf die Bühne gebeten. „Jogi wird gleich der Kader bekanntgeben – und es soll nicht das letzte Mal sein“, kündigt der Moderator an. Grindel bestätigt das. Löw („ein hervorragender Trainer“) soll auch bei der nächsten WM noch dabei sein. „Wir werden den Vertrag mit Jogi Löw und dem gesamten Trainerteam bis 2022 verlängern“, gibt der DFB-Chef bekannt. Mit Bierhoff wird sogar bis 2024 verlängert. Satt sei das Team aber in keinem Fall. Wie auch, nach nur einem WM-Titel?

Auf der Bühne erklärt der Bundestrainer dann seine Kaderwahl. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Löw fummelt währenddessen an den Flaschen auf dem Tisch herum, findet aber keinen Kaffee. Dann bedankt er sich für das Vertrauen des Verbandschefs. Ihm mache der Job noch immer „wahnsinnig viel Spaß“. Nach der WM könne es bei den Spielern jedoch einen Umbruch geben, sagt er.

Dann kommt das Gespräch auf den ARD-Journalisten Hajo Seppelt. Er berichtet seit Jahren über Doping im Sport. Kürzlich hatte die Russische Regierung sein Visum für die WM zurückgezogen. Grindel sagt, er wünsche sich Fairplay. Die Staatsgarantien beinhalteten freie Berichterstattung. Deshalb habe er Fifa-Präsident Gianni Infantino gebeten, dies bei der russischen Regierung einzufordern. Er sei zuversichtlich, dass dies Wirkung haben wird. So sehr man hoffen mag, dass Seppelt ins Land gelassen wird, so sehr kann man wohl auch hoffen, dass er unbeschadet wieder rauskommt.

Vogts glaubt an zweiten Titel in Folge

Es wird zu Berti Vogts und Andi Köpke in der Ausstellung rübergeschaltet. Während die Bühne umgebaut wird, diskutieren der Ex-Bundestrainer und der Torwarttrainer, warum es bisher schwer war, den Titel zweimal nacheinander zu gewinnen. Vogts: „Es kann gut sein, dass wir den Titel zum ersten Mal verteidigen.“ Köpke relativiert: „Wir sind die Gejagten. Jeder weiß, was wir für eine gute Mannschaft haben. Darauf darf man sich aber nicht verlassen.“ Ja, was denn nun?

Mittlerweile hat Löw wieder Platz auf der Bühne genommen. Er wirkt etwas unruhig, schaut auf die Uhr, fummelt an seinem Armband herum.

Bekanntgabe

Dann geht alles ganz schnell. In einem rund einminütigen Video flimmern Sequenzen der 27 Spieler des vorläufigen Kaders über die Leinwand. Untermalt ist alles zwar mit einem schmissigen Rap-Beat, wirkt aber dennoch eher unspektakulär.

Diese Spieler sind (vielleicht) bei der WM dabei. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Mit Marco Reus ist bislang nur ein Dortmunder Spieler dabei. „Mein Job ist eben manchmal auch, Träume platzen zu lassen und harte Entscheidungen zu treffen – immer im Sinne des Gesamterfolges“, erklärt Löw seine Entscheidung. Man fühlt mit ihm.

„Es war nicht seine Saison“

In der Fragerunde wird nach Mario Götze gefragt. „Es war nicht unbedingt seine Saison, wo er seine Form und Qualität gezeigt hat. Ich hoffe, dass er nach der Sommerpause einen positiven Beginn hat und zurück kommt.“ Das gleiche gelte für Sandro Wagner. Mitgeteilt hatte Löw das den Spielern am Montagabend (14. Mai).

Der einzige BVB-Spieler im Kader, Marco Reus, habe eine besondere Gabe, stehe in der Mannschaft für außergewöhnliche Dinge und habe einen starken Torabschluss. „Ich hoffe, dass er jetzt gesund bleibt, dann kann er uns bei der WM sicher helfen“, kommentierte Löw.

Muss den Kopf nicht hängen lassen: Marco Reus wird wohl der einzige BVB-Spieler bei der WM dabei sein. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Für das Medienwirksame Foto von Gündogan und Özil hat der Nationaltrainer ein gewisses Verständnis – auch wenn die Aktion unglücklich gewesen sei. „Wenn man für Deutschland spielt, vertritt man das Land und die Werte.“ Da ist ein Bild mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten eher kontraproduktiv. Für Spieler mit Migrationshintergrund würden oft zwei Herzen in der Brust schlagen. Beide hätten Charakter und viel für die Integration getan. Löw glaubt, die Trubel darum wird ihnen eine Lehre sein.

Russlands Trainer versinkt im Boden

Zu guter Letzt wird der russische Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow zugeschaltet. Aber nicht irgendwie. Er wird per Hologramm ins Fußballmuseum gebeamt und nimmt digital auf der Bühne platz. Das ist dann schon einigermaßen beeindruckend. Aber was hat das mit Jogi Löw zu tun hat? Der war 2001 Trainer bei Tirol Innsbruck, Tschertschessow stand im Tor.

Ziemlich spacig: Ein Hologramm (links) und vier echte Menschen. Foto: Florian Forth/Dortmund24

„Mir geht es gut, teilweise sehr gut“, witzelt der gut gelaunte Ex-Torhüter. Dann schwelgen beide in Erinnerungen. Löw wünscht Tschertschessow und seinem Team eine gute Vorbereitung und sagt, er freue sich auf die WM in den russischen Städten, auf die Menschen und die schönen Stadien. So wird im Dortmunder Fußballmuseum wenigstens beim Sport etwas Zuneigung zwischen den Nationen spürbar. Kurz darauf verschwindet der digitale Tschertschessow dann im Boden – und die Show ist vorbei.

Draußen kleben Helfer mittlerweile Fotos der Spieler an die Fassade. Es geht aber nur mühsam voran, einige Zuschauer haben sich bereits ein Bier geholt. „Wann wollen die denn fertig sein? Morgen?“, fragt ein umstehender und lacht. Wie auch immer: Hauptsache, der Kader steht.

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